Aus Versehen habe ich – wieder einmal – meine XING Premiummitgliedschaft verlängert. Um mich direkt danach zu ärgern. Denn für die sinkenden Beiträge bietet XING auch immer weniger. Dabei steckt das Produkt voller Potenzial und XING könnte es deutlich besser machen.


5,95 Euro in 2009, 2011 nur noch 4,85 Euro pro Monat und heute nur noch 2,00 Euro für einen Monat Premiummitgliedschaft bei XING. Das deutschsprachige Businessnetzwerk hat offensichtlich zunehmend ein Problem, die eigenen Leistungen noch an Frau und Mann zu bringen.

Ich habe mir – nach vorhergender Kündigung – doch wieder eine Jahresmitgliedschaft zum Preis von 24 Euro inkl. Umsatzsteuer andrehen lassen. Um mich direkt nach Abschluss zu ärgern. Denn mit sinkenden Preisen bietet XING auch immer weniger und mir stößt es eigentlich sauer auf, dass ich für diese Leistung auch noch Geld zahle.

  • Die Kontakte bei XING habe ich zum Großteil nur noch „pro forma“. Weil man die eben so hat. Eigentlich kenne ich den Großteil meiner XING-Kontakte auch noch bei Facebook, Twitter und LinkedIn. Wirklich neue Kontakte liefert XING mir kaum. (Die nervtötenden selbsternannten Marketer, die Synergieeffekte nutzen wollen, mal außen vor. Auf die kann ich gut verzichten.)
  • Trotz Gebühren werden mir Werbeanzeigen angezeigt. Für irgendwelche Events fremder Menschen oder irgendwelche „Pro Jobs“-Upselling-Geschichten zum Beispiel.
  • Den Wert der XING-Gruppen habe ich noch nie verstanden.
  • Die Apps (iOS) sind qualitativ absolut grottig. Zwar hat sich da in letzter Zeit einiges getan, aber eigentlich erwarte ich als zahlender Kunde mehr.
  • Die neuen Branchennews sind irgendwie auch nix ganzes und nix halbes.
  • Der Kundendienst ist nicht der Hit, im besten Fall bekommt man keine Antwort.

Ich zahle eigentlich nur, um sehen zu können, wer mein Profil gesehen hat und um den beruflichen Background von mir fremden Menschen zu recherchieren. Aber dafür sind 2 Euro im Monat dann doch ganz schön teuer.

Aber eigentlich soll es hierum auch gar nicht gehen. Aus diesen Mängeln sollte ich die Konsequenz ziehen und nicht mehr zahlen. Habe durch dreimalige Kündigung versucht, hat nicht funktioniert.

Denn eigentlich sehe ich in XING ein riesiges ungenutztes Potenzial. XING könnte Recruiting und Jobsuche endlich klug und elegant und einfach machen.

Aktuelle Stellenbörsen sind alle ziemlich mies. Mit einer Usability von vor 20 Jahren machen sie nichts anderes, als zu Suchvorgaben passende Jobs als Liste auszugeben. Manche scheitern schon daran. Nur selten passen die gefundenen Jobs zum Suchenden und wenn es keine neuen Stellenanzeigen zu der Suche gibt, na dann werden nochmal die uralten Jobs angezeigt, die man selbst schon dreimal aussortiert hat.

XING könnte das besser machen!

Jedes aktive Mitglied bei XING versucht das eigene Profil möglichst aktuell und ansprechend zu halten, um neue (Business-)Kontakte zu finden oder bei Recruitern einen guten Eindruck zu hinterlassen. Entsprechend wird der eigene Lebenslauf akkurat gepflegt.

Neben einer zeitlichen Auflistung von Jobs und Lebensstationen werden diese Stationen mit Inhalten gefüllt. Das eigene Profil wertet man durch Tags auf, um gut gefunden zu werden. Und mit wenig Aufwand kann man von erfolgreichen Projekten und Zeugnissen berichten.

Die meisten Personalvermittler in Deutschland würden vermutlich ihre Seele verkaufen, um an so einen großen Schatz angereicherter Daten zu kommen.

Darüber hinaus sind mir in der Vergangenheit drei Zukäufe aufgefallen und diese drei sind es auch, die XING selbst als Benefits auflistet:

  1. Kununu
    Die Plattform bietet die Möglichkeit, Arbeitgeber zu bewerten und ist darin auch ziemlich gut.
  2. Lebenslauf.com
    Nicht schwer zu erraten: Dort kann man den eigenen Lebenslauf mit wenigen Klicks anlegen (Datenimport aus XING möglich) und daraus eine (einigermaßen) schöne PDF generieren lassen.
  3. Jobbörse.com
    Mit Jobbörse.com hat XING die nach eigener Aussage größte Jobbörse mit fast 2,7 Millionen Stellenanzeigen.

Und auch bei XING selbst wurde in den letzten Jahren (in den letzten Monaten gefühlt verstärkt) viel gemacht und Funktionen nachgezogen. Darunter etwa die Stellenbörse, der sogar eine eigene iOS-App spendiert wurde („Finde den Job, der zum Leben passt„, leider wird XING dieser Aussage nicht gerecht).

Das Problem: Offenbar macht XING damit nicht viel.

Ja, Kununu wird auf XING integriert und bei Lebenslauf.com kann man Daten von XING importieren. Aber das war’s auch schon. Dabei steckt in der Konstellation aus eigenen Daten und Funktionen mit den Zukäufen ein riesengroßes Potenzial.

XING könnte die Suche nach einem (neuen) Job endlich einfach machen und das Matching für beide Seiten perfekt: Arbeitgeber finden hervorragend geeigneten Mitarbeiter und Menschen könnten einen Job finden, der perfekt zu ihren Erfahrungen, Wünschen, Kenntnissen und Interessen passt. Und das vermutlich relativ automatisiert. Aus der Job- oder Mitarbeitersuche könnte ein Finden selbiges werden.

XING hat einen riesigen Bestand an Lebensläufen auf der einen Seite. Das sind potenziell alles Bewerber. Diese Lebensläufe sind durch Talente und Interessen ergänzt.
Auf der anderen Seite gibt es mit Kununu eine Plattform, bei der Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter Unternehmen bewerten können. Allein dadurch kann man schon ein Matching bauen: „Mensch A mit Interesse X und Erfahrung Y gefällt Unternehmen 1. Dann könnte auch Mensch B mit den gleichen Interessen X und den Erfahrungen Y das Unternehmen 1 gefallen.“
Und drittens hat XING mit gleich zwei Stellenbörsen (Jobbörse.com und der eigenen Stellenbörse) gleich zwei bestehende Akquisewege in Unternehmen mit Mitarbeiterbedarf. Den könnte man dieses Matching super für viel Geld verkaufen, weil damit der Aufwand der Bewerbersichtung deutlich minimiert werden könnte.

XING Job App
Die XING Job App. Verspricht, den Job zu finden, „der zum Leben passt“. Ist am Ende aber eine stinknormale Job App.

Doch statt diesen Schatz zu finden, vertraut man bei XING offenbar mehr auf das, was es schon gibt. Anders kann ich mir nicht erklären, warum da nichts passiert. Und anders kann ich mir nicht erklären, warum man eine sehr rudimentäre App veröffentlicht, die zwar verspricht Menschen und Job perfekt zusammenzuführen, am Ende aber auch nicht mehr bietet, als Stellenanzeigenapps von Stepstone, Monster, Indeed und Co.
Vielleicht arbeitet man bei XING auch insgeheim an genau sowas. Dann allerdings dauert das ganz schön lange.

So wird es wohl dabei bleiben, dass ich mich alle 12 Monate frage, wozu ich XING überhaupt Geld zahle, wenn es mir kaum noch einen Mehrwert bietet. Angesichts der Tatsache, dass LinkedIn in Deutschland immer größer wird, stellt sich aber auch die Frage, wie lange das noch gut geht.

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