Derzeit gibt es einigen Wirbel um die Trennung der Facebook Apps und den Zwang zur Nutzung der Messenger App. Aber diese Trennung ergibt für alle Beteiligten (Facebook selbst und auch die Nutzer) Sinn. – Und wird funktionieren!

Will man Facebooks Nachrichtenfunktion auch mobil weiternutzen, so muss man seit einigen Tagen die Facebook Messenger App nutzen. Aus der „normalen“ Facebook App ist die Nachrichtenfunktion nicht mehr nutzbar oder wird es in Kürze nicht mehr sein.

Diese Trennung von Kernfunktionalitäten und Nachrichtenfunktion kündigt Facebook schon seit einiger Zeit an. Und dennoch führt die Trennung jetzt zu ein wenig Wirbel. Die Bewertungen des Messengers in den verschiedenen App Stores sind in den Keller gerauscht, in einer (nicht repräsentativen) Umfrage von Spiegel Online verweigern 60% der Teilnehmer die Nutzung der neuen App.

Doch die Trennung der Funktionen in zwei verschiedene, autarke Apps macht für alle Beteiligten Sinn. Sowohl für Facebook, als auch für Facebooks Nutzer. Und die Trennung wird langfristig auch funktionieren.

Trennung ergibt Sinn – Aus Facebooks Sicht

Auch aus etwas Entfernung und ohne involviert zu sein, lässt sich auch Laien beobachten, welches Ziel Facebook strategisch verfolgt. Diese Strategie lässt sich m.E. sowohl an Zukäufen der Vergangenheit, als auch an der jetzigen Messenger-Entscheidung ablesen.

Ein Ökosystem, verschiedene Funktionen

Betrachtet man die – für Endkunden direkt relevanten – Übernahmen durch Facebook, namentlich Instagram und WhatsApp, so fällt auf, dass beide Apps nur indirekt etwas mit Facebooks Kern, dem Newsfeed, zutun haben.

Instagram verfolgt seit jeher einen mobile-only Ansatz, die deutlich abgespeckte Webversion kann man in diesem Zusammenhang außer Acht lassen. Mit mit der App kann man Fotos machen. Diese Fotos werden – nach einer entsprechenden Verknüpfung der Konten – zwar auch im Newsfeed angezeigt und in der eigenen Bildersammlung gespeichert, das ist jedoch nicht Voraussetzung um an Instagram teilzunehmen. Facebook kann auch ohne Facebookkonto verwendet werden.
Bei WhatsApp wird dieses Fehlen einer Verknüpfung mit Facebook noch deutlicher. Die App kann ohne Facebookkonto genutzt werden, auf den Newsfeed hat die App gar keinen Zugriff. Einzig Profildaten kann man in WhatsApp aus Facebook übernehmen, das war’s dann aber auch schon.

Das verdeutlicht m.E. die strategische Entscheidung, den Aufbau eines Ökosystems zu verfolgen. Im Kern liegt hierbei der Newsfeed. Das, wodurch Facebook groß geworden ist und was auch – zumindest in naher Zukunft – erst einmal der Kern Facebooks bleiben dürfte. An diesen Newsfeed sind Grundfunktionalitäten geknüpft, wie etwa das Veröffentlichen von Statusupdates oder Fotos, das Teilen von Links und Videos usw. Sowohl für Personen, bzw. normale Profile, als auch für Unternehmen und professionelle Facebook Pages.

Um diesen Kern herum baut Facebook derzeit ein Ökosystem auf, das alle anderen Funktionen abbildet, die im Bereich digitaler Kommunikation spannend sind, aber nicht zum eigentlich Kern gehören bzw. dort eingegliedert werden. Das sind z.B. eben solche Funktionalitäten wie Instagram (Fotos) oder WhatsApp (Nachrichten i.S.v. privater Kommunikation) sie bieten.

Und hier hinein passt auch die Entscheidung, die interne Nachrichtenfunktion auszugliedern. Der Facebook Messenger, bzw. die interne Nachrichtenfunktion bleibt bestehen, sie wird jedoch aus den Kernfunktionen ausgegliedert und nimmt einen Platz im Ökosystem ein. Spannenderweise wird das durch das vollkommen verschiedene Design der Messenger App noch unterstrichen: Kein Facebook-Blau zu sehen und selbst das Logo wird nur winzig an solchen Dialogen gezeigt, die vom Gesprächspartner auf der Facebook Website geführt werden (möglicherweise schon ein Hinweis auf einen eingeschränkten Funktionsumfang). Wenn man es nicht besser wüsste, wäre man die Zugehörigkeit des Messengers zu Facebook kaum zu erkennen.

Unterschiedliche Monetarisierungsansätze

Eine solche Ausgliederung, bzw. der Aufbau eines Ökosystems, schafft Facebook auch Freiheiten und neue Möglichkeiten hinsichtlich der Vermarktung der eigenen Produkte.

Der Newsfeed ist – auch mobil! – hervorragend für Werbung geeignet, Facebook verdient damit schon heute jede Menge Geld. Sich nur auf das Standbein Werbung zu stützen, kann aber gefährlich sein. Ein zweiter „revenue stream“ könnte durch das oben beschrieben Ökosystem entstehen.

Facebooks Bemühungen, dass Nutzer selbst Geld bei Facebook ausgeben – etwa mit Game Cards, mit denen sich z.B. Güter in Browsergames kaufen lassen oder auch mit den Geschenkeoptionen, über die Freunde mit materiellen Gütern beschenkt werden können – sahen in der Vergangenheit eher bescheiden aus. Und ich bin mir nicht sicher, welche Rolle sie überhaupt noch spielen. Jedenfalls nehme ich diese Optionen so gut wie nie war.

Funktionen, die unabhängig vom Newsfeed sind, könnten das jedoch ändern: Für WhatsApp zahlt man schon jetzt eine Jahresgebühr von etwa 1€, zukünftig kostenpflichtige Zusatzfunktionen bei Instagram und auch beim Messenger finde ich nicht abwegig. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Facebook in diesem Freemiumbereich in Zukunft verstärkt mitspielen wird. Denn neben Werbung sind es vor allem Gebühren für Zusatzfunktionen, mit denen sich gerade im mobilen Bereich Geld verdienen lässt.

Auch für die Nutzer ergibt die Trennung Sinn

Auch für die Endnutzer wird die Trennung dieser Funktionen in verschiedene Apps auf Dauer Sinn ergeben. Die Apps bilden zwei vollkommen verschiedene Funktionen ab. Die klassische Facebook App für den Newsfeed. Die Messenger App für Nachrichten.

Aus Messenger zu Facebook zurück
Mit nur einem Tap kann man in der iOS-Version des Facebook Messenger zur eigentlichen Facebook App zurückkehren. Die Hürde ist minimal.
Dieser abrupte („Zwangs-„)Wechsel von ein auf zwei Apps ist möglicherweise am Anfang verwirrend und hinderlich. Aber erstens hat Facebook es technisch (zumindest bei iOS, Android kann ich nicht beurteilen) elegant gelöst, wie Nachrichten behandelt werden: Auch in der normalen App wird man über neue Nachrichten informiert. Öffnet man diese, so wird man in die Messenger App geführt und kann mit nur einem Tap zurückwechseln. Der Bruch ist minimal. Wenn die Weiche im Kopf erst einmal gelernt ist, wird auch das keine Probleme mehr machen.

Und zweitens ist m.E. entscheidend, dass man in Zukunft mit Menschen auf Facebook kommunizieren kann, ohne Facebook zu benutzen. Private Unterhaltungen werden von Facebook ausgeklammert, die Nachrichten erhalten damit einen viel privateren Charakter. Facebook wird so eine gleichberechtigte Alternative zu SMS, WhatsApp, aber auch zu Diensten wie Threema oder Apples eigenem iMessage. Facebook ist nicht Dienst, sondern wird zum Dienstleister.

Das wird funktionieren. Man schreibt nicht mehr bei Facebook. Sondern man schreibt mit dem Messenger auf unterschiedlichen Devices. Facebook kann damit schon jetzt das, woran WhatsApp bislang scheitert.

Verschmelzung von WhatsApp und dem Facebook Messenger?

Schon jetzt kann man im Facebook Messenger die eigene Telefonnummer verifizieren. Den Sinn (aus Nutzersicht) dahinter habe ich noch nicht ganz verstanden. Facebook setzt damit jedoch auf ein Prinzip, das auch WhatsApp geholfen hat. Nämlich den Dienst direkt an die Telefonnummer zu knüpfen. Schon bald könnte man also mit dem Facebook Messenger auch Menschen erreichen, die gar nicht bei Facebook angemeldet sind. – Weil nicht der eigene Name bzw. das persönliche Profil den Dienst nutzbar macht, sondern die Telefonnummer.

Fraglich ist jedoch, ob Facebook in Zukunft zwei Anwendungen nebeneinander bestehen lässt, die am Ende das Gleiche können. Oder ob Facebooks Messenger in WhatsApp übergeht bzw. umgekehrt.

Facebook folgt damit Google und Apple

Nochmal kurz zurück zum Ökosystem. Facebook ist ja nicht das erste Unternehmen, das einen solchen Weg geht. Vielmehr ist Facebook mit Google oder Apple in bester Gesellschaft. Auch schon Google und Apple haben um ihre Kernfunktionalitäten weitergehende Ökosysteme aufgebaut, die den ganzen digitalen Lebensbereich der Nutzer abzudecken imstande sind.

Besonders deutlich wird das an Apple: Nach Soft- und Hardware ist Apple mit iMessage und Facetime plötzlich selbst Provider. Wozu sollte ich noch Dinge wie SMS benutzen, wenn iMessage „multi-device-tauglich“ ist?
Oder Google: Früher Suchmaschine, ist das Unternehmen heute in jeden Bereich des Internets vorgedrungen und ist selbst zm Infrastrukturdienstleister geworden.

Und auch Facebook geht diesen Weg. Nachdem die Frontalangriffe wie „Facebook Home“ nicht recht zünden wollten, macht es das soziale Netzwerk jetzt anders und baut um sich herum ein Ökosystem auf, das zurückhaltender in alle Alltagsbereiche der Nutzer vordringt.

Jetzt kann man jammern, dass man zwei Apps statt nur einer benutzen muss, um Facebook in vollem Umfang nutzen zu können. Bald dürften es einige mehr sein. Spannender ist allerdings die Frage, in welche Bereiche Facebook vordringen wird.

Bild: Kārlis Dambrāns, Lizenz: CC BY 2.0

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